Die Schuldfrage im Konflikt oder: Vom Schrecken einer „giftigen“ Pressemitteilung

Als Mitglied des Redaktionsbeirates der Zeitschrift „Konfliktdynamik. Verhandeln, Vermitteln und Entscheiden in Wirtschaft und Gesellschaft“  bin ich für die Planung der Rezensionsrubrik verantwortlich. Regelmäßig trudeln daher Pressemitteilungen über (vermeintlich) fachlich relevante Neuerscheinungen aus dem Feld der innerbetrieblichen Konfliktbearbeitung bei mir ein, meist mehr oder minder informative und werbende Texte. Vor einiger Zeit fiel eine Pressemitteilung des Springer Verlags aus dem Rahmen des Üblichen – und das lag wohl nicht zuletzt am angepriesenen Buch mit dem Titel „Schwierige Menschen am Arbeitsplatz. Handlungsstrategien für den Umgang mit herausfordernden Persönlichkeiten“ (von Heidrun Schüler-Lubienetzki und Ulf Lubienetzki).

„Vorsicht giftig!“ heißt es zunächst im Betreff der E-Mail – und im Untertitel der Pressemitteilung wird dann klar, vor wem gewarnt wird: Vor sogenannten „toxischen Menschen“ am Arbeitsplatz. Sie seien egoistisch, vergifteten dadurch die Atmosphäre, machten einzelnen oder ganzen Teams das Leben schwer und verursachten Unternehmen Kosten in Milliardenhöhe. Huch, denkt die Mediatorin – seit wann ist die Schuldfrage in zwischenmenschlichen Interaktionen derart einfach zu klären?! Wo bleibt die branchenübliche Differenzierung des „Es kommt darauf an…“ oder zumindest ein relativierendes „Was schwierig ist, das liegt auch im Auge des Betrachters…“ Nein, nicht so bei den Autoren – entscheidend sei der Vorsatz im Handeln. Wer vorsätzlich ausschließlich egoistisch handele, sei als Toxiker einzustufen.  Und im Rahmen einer „Entgiftungs-Strategie“ zwingend zu begrenzen.

Ich habe das Buch nicht gelesen. Es wäre insofern völlig unangemessen, darüber irgendeine Einschätzung vorzunehmen. Und gewiss macht es in schwierigen oder konflikthaften Arbeitssituationen grundsätzlich Sinn, über das Thema „Grenzen“ nachzudenken, Grenzen zu setzen und sich ggf. auch zu schützen. Aber allein der Pressetext und das begleitende Interview der AutorInnen lassen mich rein sprachlich schaudern. Mein Assoziationsraum füllt sich mit Begriffen wie „behandeln“, „raus reißen“, „vernichten“, „ausrotten“… und wie war das noch mit Pflanzen, die Resistenzen gegen Unkrautvernichtungsmittel entwickeln?!

Das Technisch-Handwerkliche an den sprachlichen Bildern, die die beiden Autoren verwenden, suggeriert eine umstandslose Machbarkeit. Mir scheint das – nicht nur mit Blick auf die nötige Haltung in der Auseinandersetzung mit schwierigen Anderen – irreführend und unmenschlich.

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