„Findest du nicht?“ – Über den Umgang mit Gruppenbildungen in Mediationen
„Und ich bin nicht der einzige, dem das auffällt…“ „Die anderen sehen das genauso…“, „Alle sind davon genervt…“. So oder so ähnlich höre ich in Mediationen sehr oft, wie Konfliktparteien ihre Ansichten oder Wahrnehmungen untermauern. Meine Meinung wird von mehreren getragen; ich stehe hier nicht alleine! So nachvollziehbar dieses Manöver auch sein mag, so wenig trägt es zu einer guten Lösung bei. Eine bestimmte Meinung oder Sichtweise wird aus mediativer Sicht nicht deswegen „richtiger“, weil sie von vielen geteilt wird; der Wahrheitsgehalt nicht höher, weil man sich auf andere Gleichgesinnte beziehen kann. In Mediationen wird nach gemeinsamen Lösungen gesucht, die die Bedürfnisse und Interessen aller berücksichtigen.
Dies setzt voraus, dass alle gehört werden, dass die unterschiedlichen Ansichten verstanden werden, damit alle Beteiligten mit dem Wissen um die Unterschiede und die dahinterliegenden Interessen nach Gemeinsamkeiten suchen können; nach dem was verbindet, nach dem, auf das man sich einigen kann. Wenn am Ende einer Mediation beispielsweise 5 von 20 die Lösung nicht gutheißen, weil sie „anderer“ beziehungsweise „falscher“ Meinung sind, dann ist es unwahrscheinlich, dass die Lösung oder die getroffenen Vereinbarungen von den fünfen langfristig mitgetragen werden. Das lässt sich beispielsweise in Entscheidungsprozessen gut beobachten, und es lohnt sich hier nach Möglichkeiten zu suchen, mit denen man alle Interessen gut integrieren und berücksichtigen kann anstatt „nur“ nach Mehrheiten zu suchen. Schauen Sie dazu auch in den Beitrag über die Methode Systemisch Konsensieren.
Koalitionsbildungen lassen sich aber auch ohne Entscheidungsprozesse beobachten. Das am Anfang erwähnte Betonen von „die anderen sehen es auch so“ höre ich am ehesten entweder in der Auftragsklärung oder gegebenenfalls in Einzelgesprächen. Seltener wird es direkt zwischen den Konfliktparteien ausgesprochen; und wenn, dann meistens, weil der Graben zwischen den derart benannten Gruppen schon recht tief ist. Zumindest so meine Erfahrung.
Wenn wir uns die 9 Stufen der Eskalation nach Friedrich Glasl anschauen, dann kommt die Koalitionsbildung schon als 4. Stufe und ist die erste Stufe im Win-Lose-Bereich. Das heißt im Grundsatz, dass ab dem Moment, in dem Koalitionsbildungen anfangen, sich der Konflikt so verhärtet, dass eine Mediation erschwert wird. Entsprechend achtsam werde ich also, wenn mir davon erzählt wird und ich den Eindruck von einem „sie“ gegen „uns“ bekomme.











