Umgang mit geschlechtlicher Diversität: Wie sprechen wir Menschen an?
Wir sind darauf trainiert, Menschen unbewusst in unterschiedliche Kategorien einzusortieren. Das Geschlecht ist eine dieser Kategorien. Seit mir klargeworden ist, wie schnell ich Menschen unbewusst binär als weiblich oder männlich lese, bin ich bewusst einen Schritt zurück gegangen und warte mittlerweile erst einmal, ob und wenn ja wie sich Personen im Hinblick auf ihr Geschlecht verorten.
In den letzten Jahren ist es in meinen Moderationen und Ausbildungen zunehmend selbstverständlicher geworden, zu Beginn eine Pronomen-Runde zu machen, in der alle Beteiligten sagen können, ob sie möchten, dass über sie beispielsweise als „sie“, „er“, „they“… oder bewusst ohne Pronomen gesprochen wird. Es gibt jedoch immer noch Kontexte, in denen ich mich gegen die Runde entscheide, weil ich vermute, dass die Anwesenden sich selbst in geschlechtlicher Binarität verorten, noch nie eine Pronomen-Runde erlebt haben und diese für sie in der konfliktbedingt emotional herausfordernden Situation eher eine Überforderung bedeuten würde.
Solange ich nicht weiß, wie sich eine Person selbst geschlechtlich positioniert – ob männlich, weiblich oder divers – versuche ich jedoch auch in diesen Fällen, Pronomen zu vermeiden, und nutze stattdessen den Namen. Dies ist in Du-Kulturen unproblematisch, war allerdings durchaus erst einmal ungewohnt und brauchte ein bisschen Übung. Und ich gebe es zu: Es gelingt mir nicht vollumfänglich. Ich merke immer mal wieder, dass ich ins „sie“ oder „er“ rutsche, wenn ich unbewusst eine Person als weiblich oder männlich lese.
Ich spreche allerdings nach etwas Training mittlerweile recht flüssig und doch ohne Anspruch auf absolute Vollständigkeit den Gender-Gap. So wie ich „Spiegel*ei“ sage, sage ich eben auch Teilnehmer*innen und mache beim Sprechen eine Mini-Pause. Ich weiß noch sehr gut, dass mir dies am Anfang gar nicht so leichtgefallen ist. Ich habe in diesen Momenten so manches Mal mit Demut an meine Ausbildungsteilnehmer*innen gedacht, die manchmal auch kämpfen, wenn sie neue Routinen entwickeln wollen. Mittlerweile ist es eine veränderte Gewohnheit und kommt mir leicht über die Lippen.
Vor Herausforderungen stellt mich dagegen die Sie-Kultur. Hier ist es üblich, „Frau Müller“ und „Herr Önal“ zu sagen und damit das Geschlecht klar binär zu kodieren. Für divers positionierte Menschen gibt es dagegen in unserer Sprache kein äquivalentes Wort. Gern greife ich als Hanseatin deshalb –wenn es sich im Kontext stimmig anfühlt – zum „Hamburger Sie“. Hierbei spreche ich die Menschen jeweils beim Vornamen an und sieze sie trotzdem, wie zum Beispiel: „Robin, möchten Sie Rückfragen zum Vortrag lieber am Ende oder zwischendurch?“
In Nachnamen-zentrierten Settings bin ich mittlerweile dazu übergegangen, die Anrede „Frau“ und „Herr“ zu vermeiden und stattdessen konsequent den Vor- und Nachnamen zu nennen, also entsprechend der Redeliste „Lina Müller“ oder „Murat Önal“ aufzurufen und auch E-Mails entsprechend zu schreiben.
Hier wiederum fordert mich das „Liebe/Lieber“ als übliche Formel heraus. Wenn ich weiß, dass sich eine Person nicht binär positioniert, so verwende ich die Anrede „Dear“. Wenn ich jedoch nicht weiß, wie sich die Person geschlechtlich verortet, so verwende ich „hallo“ oder als Nordlicht „moin“. Ganz zufrieden bin ich damit noch nicht, aber wir sind als Gesellschaft ja auch noch am Anfang des Weges der Durchbrechung der geschlechtlichen Binarität.
Mich interessieren deshalb Ihre Erfahrungen sehr: Wie gehen Sie als Prozessbegleiter*innen mit diversen Geschlechtsidentitäten von Beteiligten um? Ich freue mich über Ihre Erfahrungen und Anregungen zum Weiterlernen!











