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Wie so einige Kolleg*innen habe ich pandemiebedingt – und somit im Grunde unfreiwillig – damit begonnen, Mediationen in den virtuellen Raum zu verlegen. Damals war für mich völlig klar, dass ich vollumfänglich in Präsenz zurückkehren würde, sobald es nur irgendwie möglich sein würde. Videokonferenzen waren für mich ausschließlich ein Hilfsmittel in der Krisenbewältigung.

Die Frage nach der Dauer einer Mediation interessiert aus zwei Perspektiven. Auf der Hand liegt die Perspektive der potentiellen Mediationsparteien: Um mich gut informiert entscheiden zu können, ob Mediation für die Klärung meines Konflikts in Frage kommt, möchte ich wissen, wie das Verfahren abläuft, auf was ich mich inhaltlich, vom Verfahren her und natürlich in zeitlicher Hinsicht einstellen muss. Im Windschatten dieser Frage steht zugleich oft das berechtigte Interesse, einen ersten Hinweis auf die mutmaßlichen Kosten einer Mediation zu erhalten – die ebenfalls ein wichtiges Entscheidungskriterium für oder gegen eine Mediation darstellen können (die Frage „Was kostet eine Mediation?“ hat allerdings mindestens einen eigenen Blogbeitrag verdient).

Dass die Reflexion eigener Mediationsfälle im Rahmen einer Supervision ein sinnvoller und notwendiger Bestandteil einer guten Mediationsausbildung sein sollte, ist unstrittig. Und auch für ausgebildete Mediator*innen bleibt es für die Weiterentwicklung der eigenen Professionalität zentral, immer wieder herausfordernde Situationen aus der eigenen Praxis supervisorisch zu bearbeiten. In den Qualitätsstandards der Mediationsverbände fanden sich diese professionellen Selbstverständlichkeiten von Anfang an wieder. Und so war es stimmig und folgerichtig, dass Supervision im Mediationsgesetz (MediationsG von 2012) Eingang fand und in der Ausbildungsverordnung (ZMediatAusbV von 2016) genauer bestimmt wurde.

Mediation basiert auf der Gleichberechtigung aller Menschen – egal welcher Herkunft, welchen Geschlechts, welcher sexuellen Orientierung, welcher Religion oder mit Blick auf sonstige Unterschiede. Es ist somit unsere Aufgabe als Mediator*innen, dafür Sorge zu tragen, dass alle Beteiligten in der Mediation einerseits mit Respekt behandelt werden und sich andererseits mit ihren Interessen und Werthaltungen einbringen können.

Unter der Überschrift „Wen schaue ich an? Der Blick in Online-Mediationen“ reflektiert der schottische Mediator Charlie Irvine sehr anschaulich, welch bedeutende Rolle der Blick des Mediators in Präsenz-Mediationen (insbesondere mit vielen Beteiligten) hat – und wie anders das Schauen und Anschauen in Online-Mediationen funktioniert. Seine Überlegungen haben mich angeregt, meine eigene Praxis in Online-Mediationen – die wie bei so vielen Kolleginnen und Kollegen wirklich rein pandemiebedingt entstanden und dann zügig beträchtlich gewachsen ist – unter diesem Gesichtspunkt Revue passieren zu lassen.

Mit Corona und den damit einhergehenden Einschränkungen, sich persönlich zu treffen, starten Videokonferenzsysteme ihren Siegeszug.  Auch in der klassischen Beratung ersetzen synchrone Videokonferenzen die Arbeit von Angesicht zu Angesicht. Selbst wenn sie für viele keinen vollwertigen Ersatz bieten, so ermöglichen sie zumindest zum Teil, Mimik, Gestik und Körperhaltung mitzubekommen und so ein Gefühl für die Stimmungen im Raum zu entwickeln.

Wie in meinem Beitrag Online-Moderation in Zeiten von Corona vorgestellt, unterscheide ich drei Aufgaben einer Online-Beratung bzw. Moderation, die durch Online-Werkzeuge technisch unterstützt werden können:

  1. Die Kommunikation zwischen den Beteiligten
  2. Die Visualisierung von Inhalten
  3. Die Beteiligung der Teilnehmenden

Mit dem Ankommen der Corona-Krise in Deutschland, sind mir, ähnlich wie vielen meiner Kolleginnen, die Aufträge für das laufende Jahr weggebrochen. Innerhalb von vier Tagen hagelte es eine Absage nach der anderen. Nachdem der erste Schock überwunden ist, sortiert sich die Lage neu. Erste Aufträge für Online-Moderationen trudeln ein, auch wenn diese rein vom Umfang her weit davon entfernt sind, die weggebrochenen Aufträge zu ersetzen. Zugleich habe ich mich intensiv mit meinen Kolleginnen über die Situation ausgetauscht. Ein willkommener Anlass, hier im Blog eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen.

Ohne diesen Virus wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, online Konfliktbearbeitung anzubieten. Wenn ich mit den Beteiligten in einem Raum sitze, so höre und sehe ich die Konfliktparteien nicht nur, sondern spüre sie auch. Und nicht zu unterschätzen: Sie spüren sich ebenfalls. Häufig erinnere ich mich bei Mediationen an den emotionalen Wendepunkt: Den Moment, in dem sich geradezu magisch die Atmosphäre im Raum verändert, die Beteiligten sich wieder füreinander öffnen und feststellen, dass nicht der*die andere das Problem ist, sondern sie schlicht gemeinsam gravierende Probleme haben. Mir fehlt offen gestanden auch heute noch die Fantasie, wie das bitte online gehen soll.

"Gut, dass Sie da sind. Ich will wirklich nichts mehr mit diesem Konflikt zu tun haben!", begrüßte mich ein Personalentwickler bei der Auftragsklärung. So nachvollziehbar der Wunsch ist, die Lösung eines Konfliktes an einen Mediator und die Konfliktbeteiligten zu delegieren, so entbindet er die Verantwortlichen nicht davon, den Prozess weiterhin zu begleiten. Als Mediator bin ich auf ihre Unterstützung angewiesen, ohne diese fehlt ein wichtiger Gelingensfaktor.

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